Cherzli 9: Der Tag, an dem das Christkind kommt

«Weihnachten» – ist das nicht die Zeit der Erinnerungen und Traditionen, die Zeit der Vorbereitungen, der Vorfreude, der Geheimnisse und Gefühle? Die Zeit der Erinnerungen an die Jugend oder an Gegebenheiten, die sich durch die eigenen Kinder entwickelten und zur Tradition wurden? Vielleicht gehört auch eine Prise Melancholie dazu, freudiges Erwarten, geheime Wünsche – und dann ist er da: der Tag, an dem das Christkind kommt!

Nur, wie konnten wir das unseren kleinen Buben – damals waren sie ca. 3- und 5-jährig – vermitteln? Naturverbunden, packte ich die Kinder warm ein und ging mit Brot und Wurst bewaffnet in den nahen Wald zu «unserer» Feuerstelle. Wir suchten Feuerholz, und schon bald loderte ein wärmendes Cervelat-Feuer. An den langen, möglichst grünen Hasel-Stecken «brätelte» schon bald die mit eingeschnittenen Kerben versehene Wurst auf der heissen Glut. So verbrachten wir die Zeit in stiller Erwartung, derweil das Christkind (meine Frau) den Baum schmückte und die Geschenke unter den Baum legte. Riesig war das Staunen der Kinder, als nach dem Kleiderwechsel und Händewaschen wir alle die Wohnstube betraten und wirklich das Christkind da gewesen war. Unvergesslich das Leuchten der Kinderaugen!

So hielten wir es manche Jahre, und die Vorfreude der Jungs auf das Feuer und auf die Wurst war jedes Mal gross. Später, als das Christkind nicht mehr die gleiche Bedeutung für die heranwachsenden Kinder hatte, begleitete uns die Mutter ebenfalls zum Bräteln, da der Baum nun vorgängig gemeinsam geschmückt wurde. Aus den Kindern wurden Teenager, dann Lehrlinge, die Tradition behielten wir bei, ja: sie wurde noch «ausgebaut», indem nun noch in unserem alten Pfadikessel Glühwein zubereitet wurde. Manchmal war es bitterkalt, manchmal fast frühlingshaft warm, und am schönsten war es, wenn es sachte schneite. Noch später flogen die Kinder aus, hatten ihre eigene Wohnung oder waren im Ausland, und wir «Alten» hin und wieder alleine an Weihnachten. Trotzdem hielten wir an der Tradition fest – und siehe da: Plötzlich wurde die Runde grösser, die Freundinnen der Boys wurden ins Ritual miteinbezogen und «mussten» auch mit. Jedes Jahr war anders, jedes Jahr war besonders, und immer waren alle zufrieden, auch wenn wir mit dreckigen Schuhen und «geräuchert» heimkehrten. Und immer haben wir anschliessend an der Wärme zusammen ein friedliches Weihnachtsfest gefeiert.

Mittlerweile ist der Ältere längstens verheiratet und hat selbst eine Familie. Und was uns ganz besonders freut, ist die Tatsache, dass sich die Tradition auch in seiner Familie fortsetzte: Unser «Drei-Generationen-Würstebraten» im Wald geht weiter bis heute. Nun steht Weihnachten wieder vor der Tür. Ein ganz besonderes Jahr neigt sich dem Ende zu. Wenn immer möglich, werden wir mit Sohn, Schwiegertochter und den Enkeln – die mittlerweile selbst im Teenager-Alter sind – in den Wald gehen, unsere Würste bräteln und Glühwein trinken. Ob wir anschliessend auch zusammen zu Hause feiern werden, steht in den Sternen. Aber eines ist sicher: Draussen findet unsere gemeinsame Feier bei jedem Wetter statt!

Kurt Baumann, Oberlunkhofen

Cherzli 8: Corona im Tanzsaal

Mitte September bin ich nach Spanien gezogen, um dort den Studiengang «Musical Theatre» am Institute of Arts Barcelona (IAB) zu studieren. Die Universität liegt in Sitges, einem kleinen, wunderschönen Städtchen am Meer, südlich von Barcelona.

Lange war ungewiss gewesen, ob die Universität das neue Studienjahr überhaupt starten darf, und ich befürchtete schon, dass ich mir einen Plan B ausdenken muss. Doch der Tag der Abreise rückte näher, die Schule blieb offen und mein Flug wurde nicht gestrichen. Ich war froh, dass die Einreise so reibungslos verlief, denn einige meiner Studienkollegen, die aus der ganzen Welt eingeflogen sind, mussten sich mehreren Hürden stellen.

Erst als ich in Spanien ankam, wurde mir bewusst, wie wenige Restriktionen wir Schweizer erdulden müssen. In Spanien wurde bereits im August die Maskenpflicht für alle öffentlichen Gebiete eingeführt. Diese Vorgaben gelten nicht nur für das Einkaufen, nein, auch draussen an der frischen Luft darf man sich nur geschützt mit Maske bewegen. Daran musste ich mich zuerst gewöhnen.

Die Restriktionen beeinflussen auch meinen Stundenplan, die Schule und die Lektionen negativ. Gleich zu Beginn wurde meine Klasse in kleinere Gruppen eingeteilt, mehrere Kurse wurden ganz gestrichen. Die einzelnen Module wurden unregelmässig über den ganzen Tag verteilt und alle Theorielektionen über Zoom angeboten, und wir müssen immer Maske tragen – auch beim Tanzen. Dies war und bleibt die grösste Herausforderung. Mein Studium beruht ja zum grossen Teil auf Bewegung und Körperarbeit, ich habe jeden Tag 3 bis 5 Stunden Tanz und Body-Conditioning. Da wird der Sauerstoff manchmal schon ein bisschen knapp. Ich komme am Abend öfters mit leichten Kopfschmerzen und Schwindel nach Hause, einzelne Tänzer wurden sogar ohnmächtig während des Unterrichts. Die Schule kann jedoch nichts dagegen unternehmen, denn der Staat schreibt die Maskenpflicht zwingend vor. Sollten wir die Regeln nicht einhalten, müsste die ganze Universität schliessen.

Das Maskentragen hat neben all den Unannehmlichkeiten auch eine positive Seite. Ich nehme wahr, wie mein Körper von Woche zu Woche stärker wird. Das Maskentragen trainiert meine Lungen und somit meine Ausdauer, und das Joggen an der frischen Luft ist kaum mehr anstrengend.

Leider leidet meine Stimme unter den neuen Corona-Vorgaben. Damit die Luft in den Studios immer frisch bleibt und zirkuliert, müssen die Klimaanlagen fortwährend eingeschaltet sein – egal wie kühl es draussen ist. Das Singen wird dadurch wesentlich erschwert, und viele Studentinnen und Studenten sind bereits während der ersten Wochen heiser geworden oder erlitten leichte Erkältungen. Studenten mit leichten Erkältungssymptomen dürfen aber nicht an den Lektionen teilnehmen und müssen unmittelbar einen Corona-Test beantragen. Dies führte einige Male zu Komplikationen. Sich darüber zu ärgern lohnt sich aber nicht, es ergeht ja allen gleich. Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: Wir möchten unbedingt, dass die Schule geöffnet bleibt! Für diese Ziel nehmen wir alles in Kauf.

Im Oktober wurden die Restriktionen noch einmal verschärft: Alle Restaurants, Läden und Bars mussten schliessen, nicht mehr als 6 Personen dürfen zusammen sein, und es wurde eine Ausgangssperre nach 10 Uhr abends eingeführt. Zudem dürfen wir die Stadt bis auf Weiteres nicht mehr verlassen. Also kein Shopping in Barcelona. Das war dann der Moment, bei dem das Heimweh richtig eingesetzt hat. Zuvor war immer etwas los, ich wurde mit Tanzpartys oder Stranddinners abgelenkt, doch plötzlich waren wir am Wochenende am Abend allein zu Hause.

Ursprünglich hatte ich geplant, an den Wochenenden ab und zur nach Hause zu fliegen. Das Coronavirus machte mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, denn die Einreise in die Schweiz würde für mich 10 Tage Quarantäne bedeuten. Da ich einen Freund in der Schweiz habe, fällt mir diese Einschränkung am allerschwersten. Ich fühle mich in der Situation gefangen. 

Mitte November gab die Schule bekannt, dass die einheimische Bevölkerung nicht zufrieden sei mit uns Studierenden. Sie beschuldigten uns junge, ausländische Studenten, dass wir für die Verbreitung des Virus verantwortlich seien, und forderten, dass die Universität schliessen müsse. Obwohl in Katalonien alle Universitäten geschlossen wurden, erhielt IAB von der Regierung eine Spezialbewilligung, offen zu bleiben, da die Schule im Vergleich eher wenige Studierende hat und diese aus der ganzen Welt kommen und deswegen kaum Bekanntschaften und Kontakte ausserhalb der Schule haben.

Trotzdem spüren wir das Misstrauen der Bevölkerung. Die Polizei zirkuliert deshalb ständig um die Schule und kontrolliert die Einhaltung der Regeln. Dies sorgt für Unruhe und Unsicherheit. Ebenso wurde der Universität nun gedroht, dass die Schule schliessen müsse, sobald sie auch nur einen einzigen Corona-Fall hat. Dies setzt nun alle Beteiligten enorm unter Druck. Sobald eine Person hustet oder sich unwohl fühlt, erntet sie bestürzte und skeptische Blicke. Auch ich fühlte mich an einem Tag leicht kränklich, und sofort machte sich Panik in mir breit. Was ist, wenn ich diejenige bin, die das Virus trägt? Was ist, wenn gerade ich verantwortlich für die Schliessung wäre? Wie würden die anderen reagieren?

Trotz allem ist die Unterstützung hier an der Schule wunderbar. Ich fühle mich sicher und umsorgt. Das Lehrerteam ist in dieser Situation sehr unterstützend und einfühlsam.

Ich habe schon unglaublich viel gelernt und bin sehr dankbar, dass ich an dieser Schule studieren darf. Auch wenn mich das Studium mental und körperlich sehr anstrengt, ist das Arbeitsklima sehr angenehm. Meine Mitstudierenden sind toll, und es besteht zum Glück kein ausgeprägter Konkurrenzkampf, wie ich es befürchtet und auch von anderen Musical-Schulen vernommen habe. Das liegt vor allem daran, dass die Studierenden aus unterschiedlichen Verhältnissen und Ländern kommen. Wir haben die verschiedensten Typen, deren Ziel nach der Ausbildung bei allen an einem anderen Ort auf der Welt liegt.

Diese kulturelle Diversität bietet mir einen Einblick in unterschiedlichste Länder. Ich habe Mitschülerinnen und Mitschüler aus Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Amerika, Schweden, Grossbritannien, Irland, Dominikanische Republik, Island, Frankreich, Niederlande, Slowenien, China, Polen und Portugal. Durch diese neuen Bekanntschaften lerne ich neue Sprachen, Lebenseinstellungen, Denkweisen und Bräuche kennen und darf sogar verschiedene Gerichte aus der ganzen Welt ausprobieren. Auch erfahre ich aus erster Hand, wie die Corona-Situation in anderen Ländern aussieht, und mir wird täglich bewusst, wie gut es uns in der Schweiz in dieser schwierigen Zeit geht.

Das Jahr 2020, und vor allem meine bisherige Zeit in Spanien, hat mich gelehrt, dankbarer zu sein. Ich lernte, kleine Dinge zu schätzen, und freue mich nur schon auf eine gemütliche Kaffeerunde in der eigenen Wohnung. Meinen Ausgleich zur Schule finde ich am Meer. Fast jeden Tag fahre ich entweder vor oder nach der Schule mit dem Fahrrad an den Strand, um Yoga zu praktizieren. Dies gibt mir die Gelegenheit, meine Balance wieder zu finden und meine Gedanken zu richten.

Ich schätze mich glücklich, dass ich über Weihnachten in die Schweiz fliegen kann – heim zu meiner Familie und zu meinem geliebten Freund. Ich freue mich unendlich fest darauf! Weihnachten hat deshalb dieses Jahr noch mehr Bedeutung für mich als zuvor. Dieses Jahr ist Weihnachten ein Wiedersehen und Zusammensein, und es wird ein Fest der Liebe und Geborgenheit. Ich werde dieses Jahr meine Liebsten noch mehr schätzen und werde noch dankbarer sein.

Joy Knecht, Sitges (Spanien)/Unterlunkhofen

Cherzli 7: Besonderes im Alltag

Können wir in der Hektik des Alltags ein besonderes Ereignis wahrzunehmen? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, führte die Zeitung «Washington Post» ein Experiment durch:

In einer U-Bahn-Station in Washington DC spielte ein Geiger. Er war gekleidet wie ein Strassenmusiker. Er spielte Stücke von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und anderen Komponisten. Hunderte von Menschen liefen an ihm vorbei. Einige wenige blieben kurz stehen, schauten zum Musiker. Aber die meisten Menschen hasteten vorbei, und es ist unklar, ob sie von der Musik des Geigenspielers etwas wahrgenommen haben.

Ein jüngeres Kind kam vorsichtig näher und schien zu lauschen. Die Mutter zog das Kind schon kurze Zeit wieder weg. Einige wenige Leute warfen im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den Geigenkasten. Nach einer Stunde beendete der Musiker sein Spielen. Es gab keine Anerkennung und keinen Applaus. In seinem Geigenkasten lagen 32 Dollar.

Was die Leute nicht wussten: Der vermeintliche Strassenmusiker, der in der U-Bahn-Station die Hektik des Alltags mit wunderbaren Klängen zu verzaubern versuchte, war einer der jungen Stars unter den Geigenspielern – Joshua Bell. Er spielte auf seiner Stradivari-Geige Stücke, die er kurz zuvor in der ausverkauften Bostoner Symphony Hall gespielt hatte.

Bei seinem Auftritt dort war ihm die Aufmerksamkeit der anwesenden Konzertbesucher gewiss, und er erhielt auch die entsprechende Anerkennung und den Applaus für seine Leistung.

Doch zurück zur eingangs gestellten Frage. Hätten Sie in der U-Bahn-Station den Klängen des Geigenspielers gelauscht? Das Experiment macht deutlich, dass besondere Ereignisse einen angemessenen Rahmen benötigen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns in der Hektik der Vorweihnachtszeit auch Momente der Ruhe gönnen, um über die Bedeutung nachzudenken, die Weihnachten für uns hat. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Felix Maurer, Oberlunkhofen

Cherzli 6: «Liebe Samichlaus…»

Erzählerin: Lea Sahli, Arni
Geschichte: Marcus Pfister/Regina Kuster: Liebe Samichlaus, wänn chunsch du? (Nord-Süd-Verlag, 1998)

Cherzli 5: Die Stresskurve flach halten

Während der ersten Welle der Corona-Pandemie haben wir erfolgreich «flatten the curve» praktiziert, um unser Gesundheitssystem zu schützen. Während dieser zweiten Welle und in der Vorweihnachtszeit praktiziere ich nun zusätzlich noch «flatten the stress curve» – die Stresskurve flach halten.

Die Pandemie-Situation führt uns als soziale Wesen in ein Dilemma: Einerseits sind wir von unserem Nervensystem daraufhin programmiert, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein, um Sicherheit zu erfahren. Andererseits müssen wir gegenwärtig engen Kontakt mit anderen Menschen vermeiden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dieses Dilemma aktiviert auf neurobiologischer Ebene zwangsläufig unsere Stressreaktion. Im Moment können wir gut beobachten, wie wir als Kollektiv im Kampf-Flucht-Modus unterwegs sind und wie – bewusst oder unbewusst – unsere Wahrnehmung durch Angst dominiert wird. Unsere Wahrnehmung, unser Erleben und unser Handeln werden durch die Stressreaktion automatisch eingeengt, und wir versuchen, die Angst vor der unfassbaren Bedrohung mit fassbaren Meinungen oder mit Feindbildern zu reduzieren. Polarisierungen passieren und trennen.

Die Atmung ist ein untrüglicher Indikator für unseren inneren Zustand. Sobald die Atmung beschleunigt und flach wird, verstärkt sich auch die Aktivität des Herzens, und die Stressreaktion setzt durch die Aktivierung des autonomen Nervensystems ein. Gleichzeitig wird die Aktivität des sozialen Systems herabgesetzt. Wir werden zunehmend gereizt und fixieren uns auf Meinungen und Ansichten. Im Extremfall erstarren wir ganz und werden handlungsunfähig.

Der Atem ist denn auch der Ansatzpunkt, um unser autonomes Nervensystem in diesen herausfordernden Zeiten zu beruhigen und die Stresskurve flach zu halten.  
 
Eine der wichtigsten Übungen hierzu ist die Bauchatmung. Man kann sie im Liegen, Sitzen oder Stehen durchführen. Legen Sie Ihre Hände auf den Bauch. Stellen Sie sich vor, dass Ihre Hände und der Bauch Freunde sind, die zueinander wollen. Atmen Sie ein und zählen Sie dabei auf vier. Atmen Sie aus und zählen Sie dabei auf sechs. Ziel ist, dass die Ausatmung länger ist als die Einatmung. Nehmen Sie wahr, wie sich Ihre Bauchdecke beim Einatmen hebt und beim Ausatmen wieder senkt. Meist klappt es nicht gleich zu Beginn, dass die Atmung im Bauchraum spürbar ist. Bleiben Sie dran und versuchen sie es immer mal wieder. Diese einfache Übung führt unmittelbar zu einer Abflachung der Stresskurve, weil unser autonomes Nervensystem durch die Verlangsamung des Ausatmens automatisch von einer sympathikotonen Aktivierung (Stress) in den parasymatischen Modus (Beruhigung) gelenkt wird. Seien Sie neugierig und probieren Sie es selbst aus.

Mit einem beruhigten autonomen Nervensystem sind wir viel angenehmere Zeitgenossen und verfügen über die notwendigen Kapazitäten, um unseren Mitmenschen mit viel Toleranz und Verständnis zu begegnen, was mir in dieser Zeit sehr wichtig scheint.

Zum Abschluss noch eine kurze Anekdote, welche ich kürzlich in einem Magazin gelesen habe:

Ein buddhistischer Mönch meditiert unter einem Baum. Da kommt die Pest vorbei und er fragt sie: «Wohin des Wegs?» Die Pest antwortet: «Ich gehe in die Stadt, um tausend Menschen zu töten.» Nach einer Zeit trifft sie auf dem Rückweg wieder den Mönch unter dem Baum. Er fragt die Pest: «Du hast gesagt, du würdest tausend töten – man berichtete mir aber, dass zehntausende Menschen gestorben sind.» Die Pest entgegnete dem Mönch: «Ich habe tausend getötet. Die anderen tötete die Angst.» (Psychoscope 6/2020).

In diesem Sinne: Halten Sie die Stresskurve flach in diesem Advent.

Stephanie Nanzer, eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Arni

Cherzli 4: See-Mandala

Kürzlich habe ich wieder meinen geliebten Türlersee umrundet. Gemächlichen Schrittes bin ich am vertrauten Seeufer ge­wandert. Es ist mir vorgekommen, als ob ich ein Mandala mit den Füssen zeichnen würde. Der See ist nicht rund, eher oval. Den­noch erin­nert er mich an ein Mandala, eingebettet in sanfte Hügel mit rost­farbigen Blättern an den Bäumen, die ihr buntes Herbst­kleid bald abgelegt haben.

Selbst bei schwindender Farbenpracht habe ich immer wieder ei­nen besonderen Ausblick auf den spiegelglatten See fotografiert, als ob ich in meiner grossen Sammlung noch einige neue Fotos von diesem See benötigte. Nun, es könnte ja sein, dass es diesmal ein ganz besonderes Foto ist, das ich einfangen möchte! So jeden­falls habe ich mich erneut überlistet, indem ich einige mystisch an­mutende Stimmungsbilder fotogra­fiert habe, die eine wohltuende Augenweide und Balsam für die Seele sind.

Balsam für die Seele! Ja, das suchen und brauchen wir mittlerweile alle. Ich erlebe in meinem Umfeld, wie sich der Corona-Alltag bei vielen Menschen sehr verändert hat. Kein Baustein steht auf dem andern wie früher, als die Tage fröhlich und in geordneten Bah­nen daherkamen, und der Alltag so manche Wünsche mühelos er­fül­len liess. Alles ist anders geworden und wird es wohl noch eine Weile bleiben.

Trotz aller Unbill und vielem wirtschaftlichen Leid durch unzählige Einschrän­kungen gibt es auch positive Aspekte, wie die Menschen in meinem Umfeld mit Corona umgehen. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen. All die verlockenden Angebote des unmittelba­ren Genusses bleiben aus. Es gibt einstweilen keine Non­stopp-Wunscherfüllung und keine «Fluchtburgen» mehr.

Wir besinnen uns auf uns selber und fangen mit den einge­schränk­ten Aktivitäten etwas Neues an. Not macht erfinde­risch. Ich be­obachte in meinem Freun­des- und Bekanntenkreis neue Stecken­pferde. So werden zum Bei­spiel die Malutensilien nach einem jah­relangen Dornröschenschlaf wie­der ausgegraben. Das spontane Texten, Fabulieren und Tagebuchschreiben bekommt wieder ei­nen Stellen­wert; die verstaubte Töpferscheibe im Keller wird hervor­geholt, und bei mir hat sich mittlerweile eine beachtli­che Anzahl bemalter Steine angesammelt. Das Bemalen meiner selbst ge­suchten See- und Flusssteine wirkt auf mich zentrie­rend und beruhi­gend. Mein vagabundierender Geist kommt dabei zur Ruhe, und mein oft zu grosser Medienkonsum wird automatisch einge­schränkt.

Weihnachten wird dieses Jahr bei vielen Menschen vermutlich an­ders aussehen. Ich werde mein alljährliches Adventsritual mit mei­ner Freundin wohl bewusster erleben. Irgendwann im Dezember wan­dern wir beim Einnachten zu «unserer» Waldhütte. Dort brei­ten wir ein hübsches Tuch und Servietten auf dem wackeligen Holz­tisch aus, zünden ein paar Kerzen an und packen unser im Ruck­sack verstautes Picknick aus: Lachsbrötchen, Weihnachtsgu­ezli und Prosecco, in hübschen Gläsern natürlich. Beim Schein der Ker­zen feiern wir Waldweihnachten und lauschen der Stille, die uns all­jähr­lich berührt. Ich freue mich auf dieses Ritual.

Ruth Baumann, Oberlunkhofen

Cherzli 3: Cockpit-Gedanken

Lieber Gottvater, wir sind zusammen im Alltag unterwegs. Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, vor mir ist das Lenkrad, seitlich sind die Rückspiegel angebracht.

Meine Aufmerksamkeit gehört meinen Sinnen… dem, was um mich auf diesem Weg passiert. Ich sehe und nehme viele Menschen, Gross und Klein pandemiebedingt mit Maske, wahr. Versuche, mittels Augenkontakt und Blinzeln zu erahnen, wie es den Menschen in dieser belastenden Zeit wohl geht. Die Augen und die Ausdrücke zu lesen. Ich beachte den Schilderwald, nicht den Tannenwald. Die Beleuchtung ist nicht funkelnd, sondern leuchtet rot oder grün, oder sie blinkt orange.

Ich muss zeitbedingt an der Haltestelle warten und erkenne Menschen, jung, alt, bunt, schrill, welche durch ihr Verhalten sich selber oder andere gefährden. Werde ganz ruhig und still. Da kommt mir ein treffender Gedanke in den Sinn: «Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann – Kraft und Mut, gerade auch in der Vorweihnachtzeit Dinge zu ändern, welche ich ändern kann und soll – und immer wieder (was nicht einfach ist!) die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Ich wünsche uns allen besinnliche Augenblicke.

Urs Bürgi, Oberlunkhofen

Cherzli 2: Vortasten

«Jesus bleibet meine Freude» (aus Kantate BWV 147 von J.S. Bach,
bearbeitet von George Winston)

Klavier: Hyunah Rottenschweiler, Oberlunkhofen
Aufnahme: Fabian Bürgi, Arni

Cherzli 1: «Cherzli»

Als der Adventskranz erfunden wurde, hätte man ihn getrost als «brennenden Adventskalender» bezeichnen können. Da hatte er nämlich noch ganze 24 Kerzen! 20 kleine, weisse, die an den Werktagen anzuzünden waren, und für die Sonntage dann 4 grössere, rote. Der Theologe und Erzieher J.H. Wichern, der den Adventskranz 1839 in dieser üppigen Form einführte (die Kerzen auf ein Wagenrad gesteckt!), wollte damit den Kindern, die er in seiner Stiftung unterrichtete und auch beherbergte, die Zeit bis Weihnachten verkürzen: mit einem «Cherzli» jeden Tag. Da diese Kinder allesamt aus schwierigen, ärmlichen Verhältnissen stammten, stelle ich mir die Vorfreude auf Weihnachten bei ihnen besonders gross vor – ähnlich gross aber auch einfach die Freude an diesen täglichen «Licht-Blicken». Eine Auszeit vom Alltag.

Seither sind ganze 181 Jahre vergangen. Das Wagenrad der Zeit hat sich fleissig weitergedreht. Doch auch wenn die Welt – und mit ihr der Adventskranz – sich verändert hat: Die Weihnachtszeit ist bis heute eine besondere Zeit. Und dieses Jahr, meine ich, ist sie sogar besonders besonders. In die Vorfreude auf die Festtage mischen sich bei vielen von uns Unsicherheit und Ernüchterung, teils auch schlicht Müdigkeit. Wie wollen wir Weihnachten feiern? Wen laden wir ein, wen aus? Und wie kommunizieren wir unsere Wünsche so sachte wie möglich? Das Bedürfnis nach Sicherheit ist gross, jenes nach Zusammensein, gerade an Weihnachten, aber eben auch. Die Weihnachtszeit verlangt nach Tradition, die Umstände hingegen nach neuen Lösungen. Die Spannung, die sich daraus ergibt, lässt sich nur schwer (und auch nur individuell) auflösen. Manchen Menschen ist deshalb gar nicht zum Feiern zumute. Manchen sind die Festtage sowieso ein Graus. Und manche freuen sich trotzdem und vielleicht erst recht unbändig auf Weihnachten!

Liebe Leserin, lieber Leser: Dieser Adventskalender soll wie der Wichern-Kranz eine Art «brennender Adventskalender» sein. Er soll Ihnen die Zeit bis Weihnachten verkürzen, falls Ihnen diese zu lange vorkommt. Er soll Ihnen aber auch einfach jeden Tag einen Lichtblick bescheren, besonders wenn die Aussicht auf die Festtage Sie eher belastet. Wenn das eine oder das andere oder gleich beides gelingt, so freue ich mich – und so freuen sich mit mir auch alle lieben Menschen, die bis Heiligabend einen ganz persönlichen Beitrag zu diesem Projekt beisteuern: einen Erlebnisbericht, eine Geschichte, eine Erinnerung, ein Bild, eine Musikaufnahme… Ein «Cherzli» jeden Tag, sozusagen. Wie vor 181 Jahren.

Lassen Sie sich überraschen. Und haben Sie einen frohen Advent!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

«Cherz.li» in der Zeitung

Unser Adventskalender-Projekt hat es in die Zeitungen geschafft, bevor es überhaupt startete.

Und so vorbereitet, wünsche ich Ihnen erst recht viel Freude an den Beiträgen, die hinter den Türchen geduldig auf Sie warten!

+++ Neustart: Adventskalender «Cherz.li»

Liebe Leserinnen und Leser:

Auf www.cherz.li offerieren wir Ihnen dieses Jahr einen Online-Adventskalender. Da es dort keine Kommentarfunktion gibt, veröffentlichen wir die Beiträge jeweils zeitgleich auch in diesem Blog.

Hier können Sie also nicht «nur» mitlesen, sondern auch Rückmeldungen abgeben – Rückmeldungen an all die lieben Menschen aus dem Kelleramt, die je die kreative Gestaltung eines Türchens übernehmen. Und während der Adventskalender Ende Jahr abgeschaltet wird, bleiben die Beiträge hier auch darüber hinaus gespeichert.

Alles Weitere dann ab dem 1. Dezember. Auf www.cherz.li – und, eben, hier.

Ich wünsche Ihnen einen lichtreichen Advent!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Gestorben wird immer

Ein provokativer Titel? 

Mag sein, aber meine Familie und ich mussten dies in den letzten Wochen selbst erfahren. Wir haben vier liebe Menschen aus dem Freundes-, Bekannten- und engsten Familienkreis verloren (ohne Zutun des Corona-Virus). Ich empfinde es als schlimm und schier unerträglich, dass Abschied nehmen und gemeinsam zu trauern in diesen Zeiten fast nicht möglich ist und wenn, dann nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu möchte ich vom Tod und der Beerdigung meines Schwiegervaters und Grosspapis meiner Kinder berichten:

Das Positive vorweg: Er konnte 97jährig zu Hause, im Beisein seiner Tochter, einschlafen. Er hinterlässt fünf Kinder, 16 Enkelkinder und vier Urenkel. Dazu kommen alle anderen Familienmitglieder und Freunde. Die gemeinsamen Weihnachtsfeiern im berstend vollen Wohnzimmer meiner Schwägerin zeigen mir jedes Jahr, wie gross die Familie tatsächlich ist!

An der Beerdigung durften nur die «engsten» Familienmitglieder – sprich 15 Personen – teilnehmen und dies lediglich am offenen Grab. Man hätte meinen können, die Familie sei entzweit: Begrüssung nur durch zunicken, keine Umarmung, um Trost zu spenden, grössere und kleinere Gruppen standen in zwei Metern Abstand da, manche Familienmitglieder auch ganz alleine. Nach einer kurzen Rede des Pfarrers, von der ich wegen der grossen Distanz nur einen Teil verstand, ging jeder wieder seines Weges.

Es ist schon eine verrückte und bedrückende Zeit. Manchmal kommen mir einfach die Tränen, wenn ich an die allein lebenden Menschen denke, die sich jetzt noch einsamer fühlen, an die Hinterbliebenen, die nicht mit ihren Familien und Freunden trauern können, an die vielen kranken und alten Menschen, die in Altersheimen und Spitälern alleine ihre Tage verbringen. Wurden sie gefragt, ob sie von ihren Liebsten «geschützt» werden wollen? Oder an die Kinder, die sich nicht mehr treffen dürfen. Können sich die Jungen überhaupt noch verlieben in dieser Krise?

Ich merke, wie schön und wichtig es ist, sich in den Arm zu nehmen, sich bei der Begrüssung zu drücken oder auch «nur» die Hand zu geben. Wir sind Menschen! Wir brauchen Nähe, Berührungen, Liebe und Geborgenheit. 

Hat es nicht etwas Bizarres, wenn der Bundesrat die Grosseltern anweist, von ihren Enkelkindern Abstand zu halten? Und alle halten sich daran? Meine Familie und ich selbstverständlich auch! Auch ich stelle meiner Mutter die Einkäufe vor die Haustüre, klingle und rede zwischen Tür und Angel mit ihr. Es zerreisst mir das Herz, wenn sie mich jeweils bittet, die Kinder von ihr fest zu drücken. Und nun fordert die Regierung offiziell die Grosseltern auf, ihre Enkel wieder zu umarmen?

Ich will keineswegs die Gefahr des Virus hinunterspielen, noch die Entscheide des Bundesrats in Frage stellen. Das steht mir auch gar nicht zu.

Aber ich befürchte, dass nach dieser Pandemie nichts mehr sein wird wie vorher. Vielleicht ist das aber – nebst der viel gepriesenen «Entschleunigung» – auch ein positiver Nebeneffekt? Wieder zu erkennen, dass wir eben nicht unsterblich sind und Krankheiten und Tod zu unserem Leben gehören. Und dass sich nicht alles nur ums Geld, Gewinn und noch grösseres Wachstum dreht!? 

«Wird’s besser? Wird’s schlimmer? – Fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!» (Erich Kästner)

Herzliche Grüsse ab dem Bergli

Daniela Sieber Nick, Islisberg 

Ich hoffe, dass die Schwimmbäder wieder aufgehen

In dieser Coronazeit würde ich am liebsten meine Grosseltern sehen.

Ich finde es auch doof, dass wir nicht nach Italien ans Meer können.

Cool finde ich es, dass wir ausschlafen können.

Ich und mein Freund machen in letzter Zeit viel ab.

Ich vermisse meine Grosseltern sehr, weil ich sie sonst einmal in der Woche sehe.

Ich finde es aber gut, dass man nicht mehr so viel rausgeht oder Auto fährt wegen dem Klima.

Ich hoffe, dass das Coronavirus bald fertig ist und dass ich wieder in die Schule gehen kann und meine Grosseltern wiedersehe.

In dieser Coronazeit würde ich gerne meine Grosseltern besuchen und mich mit Freunden treffen.

Meine Reitpferde vermisse ich sehr.

Ich hoffe, dass im Sommer die Badi aufgeht und es kein Corona mehr hat.

Auf die Schule freue ich mich sehr, weil ich da alle meine Freunde sehe.

Ich finde es toll, dass es der Umwelt viel besser geht.

Manchmal mache ich mir Sorgen um meine Grosseltern.

Ich mache mir Sorgen um meine Lehrerin, weil sie schwanger ist.

In Corona fühle ich mich so:

Ich vermisse meine Grosseltern, weil ich mit ihnen immer so coole Sachen mache.

Ich finde es aber cool, dass man mit Freunden immer noch Fahrradtouren und solche Sachen machen kann.

Ich hoffe, dass die Schwimmbäder wieder aufgehen. 

Super ist auch noch, dass man nicht mehr so früh aufstehen muss.

Ich finde es schade, dass wir nicht nach London gehen konnten in den Frühlingsferien.

Ich freue mich auf die Kollegen in der Schule.

Kinder aus Islisberg

Ein Satz rote Ohren

Wenn alle kulturellen Anlässe abgesagt, die Beizen zu und persönliche Kontakte verboten sind, greift Frau zum Telefon. Ich gehöre im normalen Leben nicht zu den Vieltelefoniererinnen, das hat sich grundlegend geändert. Heute bin ich froh, dass ich mich bei der letzten Abo-Erneuerung zu einem kleinen Aufpreis für «unlimitiertes Telefonieren im Inland» entschieden habe, das käme mich in dieser Zeit ansonsten teuer zu stehen! Mittlerweile sind solche Gespräche aus der Ferne schon fast normal geworden, da gibt es auch mal ein Feierabendbier mit einer Kollegin, die zwar nicht weit weg wohnt, aber eben… Letztens sassen zwei Frauen jeweils bei sich im Garten, je mit einem Drink, und das Gespräch war fast so, als sässen wir uns gegenüber. Nach über zwei Stunden waren wir dann doch etwas beschwipst, aber glücklich, wieder einmal so lang und gut getratscht zu haben.

Trotzdem machen mir die ganzen Einschränkungen langsam zu schaffen. Wann kann wohl wieder einmal ein Theater oder Konzert besucht werden? Ferien weit weg mit dem Flieger waren zwar nicht geplant, aber wieder mal ein wenig weg wäre schon schön. Ob das dieses Jahr möglich sein wird? Es geht wohl allen gleich, und es ist einfach zu hoffen, dass mit den Lockerungen betreffend Ladenöffnungen nicht gleichzeitig davon ausgegangen wird, es sei jetzt wieder alles normal und dann beginnt alles von vorne. Drei Wochen vor dem Lockdown habe ich eine Stelle gekündigt, da ich ein traumhaftes Angebot erhalten hatte und diese Stelle per 1. Juni hätte antreten können. Das KMU ist von den Massnahmen direkt betroffen und ich habe mir sehr Sorgen gemacht, dass ich bald teilzeit-arbeitslos sein werde. Glücklicherweise ist die Firma gut aufgestellt und konnte die Krise bis jetzt gut überstehen. Mein Stellenantritt wird zwar nicht am 1. Juni sein, aber meine Erleichterung ist riesig! Sollte es zu erneuten verschärften Massnahmen kommen, wäre dies wohl nicht nur für die Kleinen der Super-GAU. 

Also: durchhalten, Hände waschen, Abstand halten und telefonieren, dann können wir hoffentlich bald einmal wieder die uns lieben Menschen umarmen!

Anonym (Identität bekannt)

Ostern – ohne Familienfest?

Diesen Text haben wir am Ostermontag erhalten, wegen eines Versehens aber noch nicht veröffentlicht. Gerne reiche ich ihn jetzt nach – er bleibt aktuell. (Reto Studer)

Ja, auch ohne den gewohnten Osterbrunch mit den Söhnen und ihren Familien war es Ostern. Wir haben den Enkelkindern in unserem Garten Nestchen versteckt. Die beiden Familien sind gekommen, nicht gleichzeitig, die Kinder haben die Nestchen gesucht und mit viel Freude gefunden. Mit gebührendem Abstand gab es einen kurzen Austausch, bevor sie wieder wegfuhren. Dann war es still. Wir hatten Zeit, genossen die Ruhe und den sonnigen Frühlingstag. Wir sind ja zu zweit, können uns gegenseitig Freude machen mit einem kleinen Apéro, einem guten Zmittag, einem gemütlichen Kaffee auf der Terrasse.

Wir haben es gut. Wir haben die Jungen in der Nähe, haben einen Garten und viele gute Nachbarn. Wir fühlen uns nicht einsam, sind ja gewohnt, zusammen allein zu sein. Die Hilfsbereitschaft und Freundschaftszeichen von allen Seiten beeindrucken uns zutiefst und machen uns sehr dankbar.

Ostern, Fest der Auferstehung und der Hoffnung. Ja, es gibt die Zuversicht, dass diese für viele so belastende Zeit vorübergeht und wir alle wieder im gewohnten Rahmen zusammenleben können. Und es gibt die Hoffnung, dass – vielleicht – ein neues Bewusstsein entsteht dafür, was zählt und wie wenig es braucht, um glücklich zu sein. Wäre das nicht auch Auferstehung?

Marlis Leutwyler, Oberlunkhofen

Corona berichtet

Zum Glück habe ich mich da in diese Ritze stecken können. Ein junger Mann hat mich zurückgelassen. Er wäre müde, wollte nur die Beine strecken. Er weiss noch nichts von seinem Glück. So bin ich herausgerutscht. Fix und fertig. Das hätte ich mir schon nicht vorgestellt. Damals. Ich wurde auf die Reise geschickt. Abenteuerlustig wie ich bin, packte ich meine Sachen zusammen. Ich hätte einen wichtigen Auftrag zu erfüllen. Nun sitze ich da, todmüde. Das Reisen ist anstrengend. Die Menschen sind aktiv, sausen von hier nach dort, von einem Termin zum andern. Glauben Sie mir, das ist anstrengend, diese Platzwechslerei, immer am Mensch bleiben! Wie ich das schaffen soll, habe ich mich gefragt. Ein Stress. Ein Gestresse. Den ganzen Tag. Keine Ruhe. Zum Glück vermehrten wir uns stark. So konnten wir locker hin und her hüpfen, Purzelbäume schlagen und schaukeln. Das war ein Gaudi. Sie mussten im Bett bleiben. Das mögen sie nicht. Seife mögen wir nicht. Mühsam! Zu Ende. Zwei Meter weit springen und das bei meiner Grösse. Das schaffte ich nicht mehr. 

Die ganze Familie ging hinaus in die Natur. Diese Hüpferei. Unmöglich. Sie blieben daheim. Langweilig. Allein. Keine Chance. Kein Stress. Mühsam. Ich besann mich auf meinen Auftrag. Was ich hier solle, fragte ich. Ich würde es sehen, hiess es. Und. Kein Gedränge am Bahnhof, kein Gedränge auf den Strassen, keine Reisen, keine Ansammlungen. Keiner da. Keine Chance. Elend!

Ich staunte, unglaublich. Meine Kameraden verschwanden, abgekämpft. Was mich hier noch hält, frage ich mich. Alle weichen mir aus. Alle weichen sich aus. Das finde ich nicht lustig. Wozu trat ich denn diese weite Reise an? Wissen Sie, ich war lange unterwegs. Welchem Ruf bin ich gefolgt? Sinnlos. Haben die denn nicht gewusst, dass die Natur ein unersetzbarer Schatz ist? Dass die Beziehung Leben ist? Uppsss! Stopp! Ja! Ich habe es!

Jetzt bin ich ein runzliges, kleines, rundes, müdes Ding. Die Chance. Das Übriggebliebene.

Die Natur lebt. Sie leben. Spuren bleiben. Hoffnung.

In der Morgenfrühe watschelt die Gänsefamilie mit ihrer Schar durch das nachtfeuchte Gras. Der Gänserich hält acht. Die Apfelblüten ploppen. Stille. Der blaue Himmel ist streifenlos. Die Lerche trällert ihr Lied auf der Tannenspitze. Am Abend konkurrenziert der Star. 

In blauer Kinderschrift liest sie auf dem Veloweg: «Wer hat den Marienkäfer gesehen?»

Der junge Mann geniesst sein Glück auf einer Bank am Flussufer. In der Ritze des Platzes wagt sich ein Gänseblümchen heraus.

Nelly Stutz, Unterlunkhofen

Ende Winter, Ende Skifahren – aber noch viel mehr

Am zweitletzten Tag unserer Winterferien Mitte März glaubten wir, uns verhört zu haben: Das Regionalradio meldete, ab dem nächsten Tag werden alle Bergbahnen und Skilifte in der Region geschlossen. Kam dazu, dass unsere Kinder uns mitteilten, sie werden uns per Auto abholen, denn sie möchten nicht, dass wir per Zug heimreisen. Das war dicke Post, Corona-Post.

Wieder in Lunki, gab es Anfangsschwierigkeiten. Mein Mann musste dringend per Postauto in Bremgarten etwas holen, was nun aber gegen die Regeln war. Aber wir als «Risikopersonen» richteten uns ein, kein Einkaufen mehr. Oder doch noch bei Hofläden, per Velo. Dort merkten wir aber vorerst nicht, dass nur jeweils zwei Familien aufs Mal zugelassen wären. Und bei der Post warteten zwar Leute draussen, aber erst der Posthalter brachte uns bei, dass wir nicht einfach in die Post hineinlaufen, sondern uns hinten anstellen sollten. Also haben wir gelernt, was geht und was nicht.

Aus unserer Familie waren die meisten schon bei uns zu Besuch – natürlich mit gebührendem Abstand. Das ist nicht immer einfach, denn am 19. März sind wir Urgrosseltern geworden, dürfen aber den so herzigen Leonard nur von weitem oder per Internet sehen.

Wir sind auch froh, dass praktisch alle Familienmitglieder beschäftigt sind, mit einer Ausnahme: Unser Kochlehrling im 3. Lehrjahr musste wie alle andern in der Gastronomie Mitte März seinen Arbeitsplatz verlassen. Wie es mit seiner Lehrabschlussprüfung weiter geht, ist noch offen. Es ist anzunehmen, dass die Unsicherheit für viele Junge in dieser Lage belastend ist.

Ich finde, der Bundesrat macht seine Arbeit gut und verantwortungsbewusst. Unsere Tochter ist Mitglied einer Exekutivbehörde. Wenige Tage nach der bundesrätlichen Festlegung der Notstandverordnung hat sie mir am Telefon gesagt: «Weisst du, wie das einen belastet, ‚Notstand‘, und die ganze Verantwortung liegt bei der Exekutive?» Ich denke, alle, die Verantwortung tragen, bemühen sich, ihr Bestes zu geben.

Hoffen wir auf ein glimpfliches Abflachen dieses Ausnahmezustandes, den niemand von uns je erlebt hat.

Ursula Mauch, Oberlunkhofen

Ibrahims Landcruiser

Das Bild zeigt Ibrahim Mtira aus Dar-es-Salam, Tanzania, mit seinem TOYOTA Landcruiser, den er im Januar 2020 in Arusha gekauft hat.

Ibrahim ist ausgebildeter Safari Driver mit grossem Wissen über Flora und Wildlife der National Parks und Game Reserve im Süden von Tanzania. Wir haben Ibrahim im letzten Herbst, auf unserer Tansania-Safari, kennen gelernt. Ibrahim hatte uns damals von seinem grossen Lebenstraum erzählt: Ein eigenes Safari-Fahrzeug, damit er als selbständiger Unternehmer Touristen durch den Busch fahren kann. Bisher hatte Ibrahim als Freelancer für Ahmed den Inder die ausländischen Touristen auf Safari begleitet. Eine finanzielle Entschädigung oder ein Fixum bekommt Ibrahim vom Inder nicht. Seine Einkünfte bestehen ausschliesslich aus dem Trinkgeld seiner Gäste. Verständlich, dass Ibrahim sein grosses Wissen auf eigene Rechnung vermarkten möchte. Doch woher kommt das notwendige Geld dazu? Ein junger Mann wie Ibrahim wird in diesem Land nie in der Lage sein, auf legale Art ein Fahrzeug zu erwerben und ein Unternehmen zu gründen.

Damals, im vergangenen Herbst und nach langen Gesprächen, unterbreitete ich Ibrahim meinen Vorschlag, ihm das Fahrzeug und die Gründung einer eigenen Firma zu ermöglichen. Eine solche Offenbarung lag ausserhalb Ibrahims Vorstellungsvermögen und führte bei ihm zu schlaflosen Nächten. Draussen, mitten im Busch, haben wir dann alles mittels eines Vorvertrags handschriftlich zu Papier gebracht und den Deal anschliessend mit einer Dose Cola festlich besiegelt (Ibrahim ist Moslem, trinkt kein Alkohol, isst kein Schweinefleisch, sehr wohl aber Schinkenbrote…).

Vergangenen Dezember erfolgte der Geldtransfer nach Tanzania, zwecks Kaufs eines Fahrzeuges und zur Gründung eines Unternehmens. Viele Millionen Tanzania-Shillings sind nach Ostafrika geflossen, in der Hoffnung, dass daraus etwas Gutes entsteht.

Ibrahim wusste genau, wann und wo er ein gutes, gebrauchtes und günstiges Fahrzeug erwerben kann, nämlich im Januar, in Arusha. Die grossen Safari-Unternehmen, allesamt im Norden von Tanzania beheimatet und die oft über 100 oder mehr Fahrzeuge verfügen, müssen jeweils anfangs Jahr dem Fiskus ihre Steuern abliefern. Die Gesellschaften sind dazu aber oft nicht in der Lage und veräussern deshalb Teile ihrer Fahrzeugflotte gegen Bargeld, so auch den Landcruiser an Ibrahim. Ich hoffe sehr, dass da alles korrekt über die Bühne gegangen ist, denn ich habe Ibrahim von Beginn unserer Zusammenarbeit untersagt, Schmiergelder zu bezahlen. 

Die ersten Safaris in den Mikoumi National Park hat Ibrahim gleich Ende Januar und im Februar unternommen. Im März hat Corona Ibrahims Lebenstraum ein vorübergehendes Ende bereitet. Alle Buchungen wurden umgehend annulliert, die Gäste sind von einem zum anderen Tag ausgeblieben und die Einnahmen sind auf null gesunken. Nur die Kosten laufen weiter und weiter. Vom Staat ist keine Hilfe zu erwarten, woher und wie auch? Dies bleibt auch nach dem Ende von Corona für längere Zeit so, denn es wird Monate dauern, bis der Safari-Tourismus wieder in Schwung kommt. Ein guter Start für ein junges Unternehmen sieht definitiv anders aus.

Damit Ibrahim nicht auf dumme Gedanken kommt und er in seiner Not den Landcruiser für ein paar tausend Dollars verscherbelt, werde ich vorerst einmal für die nächsten Monate die Lebenshaltungskosten für Ibrahims Familie übernehmen. Anschliessend sehen wir weiter. 

Warum ich mir das alles antue?
Weil ich in meinem bisherigen Leben sehr viel Glück erleben durfte…
Weil ich sehr privilegiert bin und weil es mir – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – sehr gut geht…

… und weil das letzte Hemd keine Taschen hat…

Anonym (Identität bekannt)

In mir ist alles dunkel

Es wird aber wieder hell.

Es ist dunkel. Kein Wunder, es ist nachts um 4 Uhr. In mir ist alles dunkel. Ich habe eine depressive Stimmung. Warum? Ist es nicht Jammern auf hohem Niveau? Ich habe ein Dach über dem Kopf, ein warmes Haus, herrlichen Sonnenschein und viel, viel Zeit. Ich kann machen, was ich will. Das bedeutet, all die kleinen und grossen Pendenzen in Ruhe erledigen und kann sogar mittendrin aufhören und alles liegen lassen. Es darf mich ja sowieso keiner besuchen und könnte so das angefangene Chaos sehen. Kann ja morgen weiter machen.

Ich glaube, dass uns in dieser Zeit die gewohnten Strukturen wegbrechen ist im Moment unser – mein – grösstes Problem. Anstatt froh über das jeweils Erledigte zu sein, verdüstert sich meine Stimmung immer mehr. Ich gehe spazieren. Ist schön bei diesem Wetter, aber auch diese Situation ist surreal. Wenn man sich begegnet, geht man sich – aus nachvollziehbaren Gründen – aus dem Weg. Die «Risikogruppe» soll zu Hause bleiben. Sehe ich ein, und doch macht es mir zu schaffen. Ich habe mich gefragt warum, mein Leben hat sich doch zu meinem vorherigen gar nicht so verändert. Vorher war ich auch sehr viel allein. Bekannte haben mich besucht und ich konnte, wenn ich wollte, unter die Leute. Jetzt kaufen meine Kinder für mich ein und stellen den Einkauf vor die Tür. In gehörigem Abstand reden wir miteinander. Wir telefonieren täglich und sie machen sich grosse Sorgen um mich. Was fehlt mir? Es ist die Nähe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so eine grosse Bedeutung für mich hat. Es macht mich aber fertig. Auch andere Strukturen brechen weg. Das Altersturnen hat mir zwar nicht immer Spass gemacht, aber jetzt fehlt es. Selber einkaufen. Der sonntägliche Gottesdienst mit dem anschliessenden Kirchenkaffee. Wir haben uns immer anschliessend angeregt unterhalten.

Wir haben verschiedene Berufe im Gesundheitswesen und im sozialen und kirchlichen Bereich als selbstverständlich hingenommen. Jetzt haben wir gelernt, wie wichtig sie für uns alle sind und dass diese Personen im Moment fast Übermenschliches leisten. 

Wir hoffen alle, dass diese Zeit der Einschränkungen bald vorbei ist, haben aber gleichzeitig Angst, dass die Massnahmen zu früh aufgehoben werden und sie anschliessend noch weiter verschärft werden müssen. Wir denken an die vielen Menschen, die bald weder ein und aus wissen, da sie sehen, wie ihre Existenzen – trotz staatlicher Unterstützung – wegbrechen.

Ich sehe aber auch, dass der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Menschen stärker geworden ist. Ich hoffe, dass das auch nachher anhält.

Früher war ich ein richtiger Nachrichtenjunkie, habe alles, was in der Welt um mich herum passierte, in mich eingesogen. Später war es so: Warum soll ich mich über alles, was in der Welt passiert, informieren, wenn man nichts Positives hört und sieht? Also habe ich den Nachrichtenkonsum eingeschränkt. Jetzt informiere ich mich – obwohl es wichtig ist – aus anderen Gründen ungern. Die Informationen beginnen mit Corona und enden mit COVID-19. Passiert sonst nichts auf der Welt, ist sonst der allgemeine Friede ausgebrochen? Oder interessiert es uns nicht, weil wir Angst um uns, unsere Angehörigen und unsere Wirtschaft haben?

Natürlich gibt es und wird es grosse persönliche Probleme geben. Es wird eine riesengrosse wirtschaftliche Delle geben und es wird lange dauern, bis die überwunden ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir – wenn wir den jetzt erreichten Zusammenhalt beibehalten – zusammen mit den staatlichen Hilfen zum grössten Teil in einigermassen überschaubarer Zeit wieder gut dastehen werden. Diese Notsituation zeigt uns, dass Menschen zusammen viel erreichen können.

Also räume ich noch mein Büro auf ohne mitten in dieser Arbeit hängen zu bleiben und freue ich, wenn ich es geschafft habe.

Wir werden sowieso frühestens in einem Jahr wissen, ob die Reaktionen und Vorschriften der einzelnen Regierungen richtig waren. Menschenleben wurden dadurch sicher gerettet.

Ist das nicht das Wichtigste?

Anonym (Identität bekannt)

Nachdenken über Begriffe, die in Zeiten von Covid-19 Konjunktur haben

Risikogruppe – dieser Gruppe gehöre ich mit meinen 78 Jahren – auch nach den Lockerungsentscheiden des Bundesrates – weiterhin an. Was verbindet mich mit dieser «Gruppe»? Ich kenne die Allerwenigsten – das Einzige was mich mit den Gruppenzugehörigen verbindet, ist ein erhöhtes Gefährdungs- und damit auch ein erhöhtes Verbreitungsrisiko in Bezug auf das Corona-Virus. Ich muss zugeben, noch nie war mir die Bedeutung und die Verantwortung «meiner» Altersgruppe für die Volksgesundheit so bewusst wie in dieser Zeit.

Gruppe der Privilegierten – ich gehöre aber auch zur Gruppe der Privilegierten. Wenn ich an meine Coiffeuse oder meine Fusspflegerin denke – selbstständige Kleinstunternehmerinnen, die mit den laufenden Einnahmen ihre monatlichen Ausgaben bestreiten und die jetzt von grossen Existenzsorgen geplagt werden – stelle ich fest, wie gut es mir geht. Ich muss keine Ängste um meinen Arbeitsplatz haben und erhalte (im Moment noch) jeden Monat meine Rente.

Utilitarismus – philosophische Lehre, die im Nützlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht und ideale Werte nur anerkennt, sofern sie dem Einzelnen oder der Gemeinschaft nützen (Duden, Fremdwörterbuch). Die zu Beginn der Pandemie von Boris Johnson aufgeworfene Idee der «Herdendurchseuchung» ist so eine utilitaristische Strategie. Der Nutzen für die Gemeinschaft würde darin bestehen, dass eine Durchseuchung in der Bevölkerung zu einer Immunisierung führen würde. Das war zu jenem Zeitpunkt, als selbst die Virologen und Epidemiologen über Covid-19 wenig wussten, eine ziemlich kühne Behauptung. Aber das ist nicht mein zentraler Punkt. Es gibt auch in der Schweiz Anhänger dieser Durchseuchungstheorie, z.B. der Ökonom Reiner Eichenberger. Auf die Entgegnung, dass mit dieser Strategie vor allem ältere Menschen besonders gefährdet seien, meinte Eichenberger, dass das durchschnittliche Alter der Corona-Todesfälle bei 82 bis 83 Jahren liege. Diese Menschen hätten ja ohnehin keine grosse Lebenserwartung mehr gehabt. Wichtiger, als diesen Menschen noch einige wenige Lebensjahre zu ermöglichen, sei doch, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie so rasch wie möglich aufgefangen werden können. Und da sei es wichtig, möglichst viele immunisierte Arbeitskräfte wieder in den Arbeitsprozess integrieren zu können.

Eichenberger bringt das zentrale Dilemma des Utilitarismus auf den Punkt: Welche Kriterien bestimmen den Nutzen für die Gemeinschaft (und wer entscheidet das)? Für Eichenberger scheint klar zu sein, dass das rasche Hochfahren der Wirtschaft für die Gemeinschaft den grösseren Nutzen darstellt als gesundheitspolitische Massnahmen, bei welchen ältere Menschen besser geschützt sind. Nützlich sind nach dieser Definition vor allem Menschen, welche zur wirtschaftlichen Prosperität beitragen – alte, kranke und behinderte Menschen gehören nicht dazu.

Das war ja die enorme Herausforderung für den Bundesrat, eine Balance zu finden zwischen Massnahmen, die einerseits der Volksgesundheit dienen und andererseits möglichst geringe wirtschaftliche Kollateralschäden verursachen. Letztlich eine unmögliche Aufgabe. Aber ich bin dem Bundesrat dankbar für seine Entscheide. 

Hilfsbereitschaft – wenn diese Pandemie wieder etwas sichtbar gemacht hat, das scheinbar im Verborgenen schlummerte, dann ist es die vielfältige Hilfsbereitschaft. Ich bin erstaunt und gerührt über die verschiedenen Angebote, die wir von jüngeren Menschen in den letzten Wochen erhalten haben.

Solidarität – und diese Hilfsbereitschaft der jüngeren Menschen führt mich auch zur Verantwortung, die wir Älteren gegenüber den Jüngeren haben. Denken wir doch bei nächsten Diskussionen und Abstimmungen auch an sie. Zum Beispiel beim Klimaschutz oder der finanziellen Absicherung im Alter (Pensionskasse, AHV). Denn die jungen Menschen müssen auf diesem Planeten und in dieser Gesellschaft weiterleben, die wir ihnen hinterlassen.

Felix Maurer, Oberlunkhofen